Zirkularität als Industriepolitik der Zukunft

Wo steht Deutschland in Sachen Kreislaufwirtschaft und wie sieht es mit den europäischen Zielen aus? Die Studie „Kreislaufwirtschafts-Strategien der EU und Deutschlands im Ver-gleich" der Bertelsmann-Stiftung hat den Status quo ­in Deutschland untersucht. Außer-dem wurde geprüft, ob die deutschen Ziele denen der EU entsprechen.

Zirkularität als Industriepolitik der Zukunft
© Esther Zillner

Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft ist ein wesentlicher Hebel, um die europäische Wirtschaft unabhängiger zu machen, die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten zu erhöhen, Klima und Umwelt zu schützen sowie neue Arbeitsplätze zu schaffen. Aber gerade an dieser Umsetzung hapert es. Laut Bericht hat Deutschland seine Vorreiterrolle in der Abfallpolitik verloren, steht bei der Zirkularitätsrate nur unwesentlich besser da als der europäische Durchschnitt und zeigt bei der öffentlichen Hand viel zu wenig Engagement für die Transformation.

Auf europäischer Ebene sieht es allerdings nicht besser aus. Die Zirkularitätsrate ist seit 2010 um lediglich einen Prozentpunkt gestiegen. Das Ziel einer Verdopplung der Quote von 2020 bis 2030 (11,2 Prozent als Ausgangspunkt) dürfte inzwischen unrealistisch sein. Dennoch gebe es in der EU Länder, die als Vorbild dienen können. Anhand von vier Kernthemen hat die Studie untersucht, was Deutschland tun muss, um mit den europäischen Strategien mithalten zu können.

Deutschland und EU im Vergleich

Die Analyse der europäischen und deutschen Kreislaufwirtschaftsstrategien zeigt deutlich, dass Kreislaufwirtschaft für beide Ebenen nicht länger ein Randthema der Umweltpolitik ist, sondern als zentrale Weichenstellung für die wirtschaftliche Zukunft verstanden werden muss. In einer Phase multipler Krisen, knapper öffentlicher Ressourcen und zunehmender geoökonomischer Spannungen kommt ihr eine Schlüsselrolle zu, weil sie ökologische Stabilisierung, wirtschaftliche Resilienz und industriepolitische Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbindet. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass gerade diese Mehrfachfunktion eine besonders kohärente und ambitionierte Steuerung verlangt, da andernfalls die Transformation zwar rhetorisch anerkannt, aber operativ nicht konsequent genug umgesetzt wird. Vor allem für Deutschland ergibt sich daraus ein Handlungsdruck: Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) formuliert zwar ein anspruchsvolles Zielbild, bleibt jedoch in Ambition und Instrumentierung hinter dem zurück, was nötig wäre, um mit den europäischen Dynamiken Schritt zu halten und sie aktiv mitzugestalten.

Übergreifendes Transformationsprojekt

Im Zentrum steht zunächst die Notwendigkeit, Kreislaufwirtschaft als übergreifendes Transformationsprojekt zu behandeln, das verschiedene Politikfelder systematisch zusammenführt. Kreislaufwirtschaft entfaltet ihre Wirkung nicht in sektoralen Einzelmaßnahmen, sondern in der strukturellen Umsteuerung von Wertschöpfung, Produktgestaltung, Rohstoffversorgung und Konsum. Dafür reicht es nicht aus, primär in Umwelt-, Abfall- oder Nachhaltigkeitslogiken zu denken. Vielmehr muss Kreislaufwirtschaft als Bestandteil von Wirtschafts-, Rohstoff-, Sicherheits- und Außenpolitik verankert werden, weil Ressourcenrisiken und Lieferkettenstabilität in der Polykrise zunehmend strategische Faktoren sind. Die Studie verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass ein eng abgestimmter, „in sich schlüssiger“ politischer Ansatz erforderlich ist, wenn Kreislaufwirtschaft tatsächlich zu einem Hebel für Stabilität und Modernisierung werden soll. Ohne eine solche übergreifende Koordination entsteht das Risiko, dass kurzfristige Maßnahmen zwar symbolische Fortschritte ermöglichen, langfristige Chancen jedoch ungenutzt bleiben und Deutschland seine Verwundbarkeit gegenüber Rohstoffabhängigkeiten nicht reduziert.

Verbindlichkeit und Planungssicherheit

Unmittelbar damit verbunden ist die zweite zentrale Dimension: die Frage nach Verbindlichkeit und Planungssicherheit. Kreislaufwirtschaft ist investitions- und infrastrukturintensiv, insbesondere dort, wo neue Geschäftsmodelle, Aufbereitungskapazitäten, Reparaturstrukturen oder zirkuläre Produktionssysteme aufgebaut werden müssen. Unternehmen benötigen dafür stabile Zielpfade und klare Signale, die über Legislaturperioden hinausreichen. Die EU setzt in ihrer Strategie stärker auf verbindliche Zielsetzungen, regulatorische In­strumente und die schrittweise Verschärfung von Anforderungen. In Deutschland hingegen bleibt die NKWS in wesentlichen Teilen offen und verschiebt Konkretisierung auf nachgelagerte Plattform- und Dialogprozesse. Diese Offenheit kann Beteiligung fördern, sie erzeugt jedoch zugleich Unsicherheit darüber, wie ambitioniert die Zielerreichung tatsächlich politisch abgesichert ist. Die Synthese der Studie macht deutlich, dass Deutschland zuverlässige, langfristig gültige und absehbare Ziele braucht, wenn Kreislaufwirtschaft in die Breite getragen werden soll. Ohne einen verbindlichen Rahmen besteht die Gefahr, dass die Transformation nicht schnell genug skaliert, obwohl gerade das Zeitfenster bis 2030 entscheidend ist.

Leitmärkte schaffen

Ein drittes Handlungsfeld betrifft die Etablierung von Leitmärkten und die gezielte Schaffung einer tragfähigen Nachfragearchitektur. Kreislaufwirtschaft kann sich nicht allein über freiwillige Initiativen durchsetzen, solange Primärrohstoffe oft billiger sind als Sekundärmaterialien und zirkuläre Lösungen nicht automatisch wettbewerbsfähig sind. Die EU greift dieses Problem strategisch auf, indem sie Leitmärkte nicht nur benennt, sondern über Standards, Regulierung, Ökodesign-Anforderungen und Marktüberwachung aktiv ausgestaltet. Daraus entsteht ein Rahmen, der zugleich Nachfrage und Angebot lenkt und zirkulären Lösungen Skalierung ermöglicht. Deutschland bleibt im Vergleich stärker projekt- und anreizorientiert. Damit ergibt sich ein strukturelles Risiko: Wenn Kreislaufmärkte nicht „geschützt“ beziehungsweise gezielt stabilisiert werden, hängt der Markthochlauf von Förderfenstern und politischer Prioritätensetzung ab. Die Studie betont deshalb, dass Deutschland in einer Übergangsphase Mechanismen benötigt, die die Wettbewerbsfähigkeit von Sekundärrohstoffen, Komponenten und zirkulären Dienstleistungen verlässlich unterstützen. Leitmärkte sind dabei nicht nur ein industriepolitisches Konzept, sondern ein zentrales Werkzeug, um die Transformation aus der Pilotphase in die Breite zu überführen.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der öffentlichen Beschaffung. Obwohl sie ein effektiver Hebel sein kann, um Marktnachfrage für kreislauffähige Produkte zu erzeugen, wird dieses Instrument in Deutschland bislang nicht konsequent genutzt, weil Nachhaltigkeits- und Zirkularitätskriterien häufig optional bleiben und nicht zentral in Vergaberegeln eingebettet sind. Dadurch entsteht eine Lücke zwischen strategischer Zielsetzung und realer Marktwirkung. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Leitmärkte nicht als isolierte industriepolitische Programme verstanden werden sollten, sondern als systemischer Mechanismus, der Standards, Nachweise, Förderlogiken und Beschaffungsroutinen zusammenführt und damit die Skalierung zirkulärer Lösungen beschleunigt.

Soziale Aspekte

Als vierte Dimension hebt die Studie hervor, dass soziale Aspekte nicht als nachrangige Begleitpolitik behandelt werden dürfen, sondern als integraler Bestandteil einer nachhaltigen Gesamtstrategie gelten müssen. Kreislaufwirtschaft verändert nicht nur Materialflüsse, sondern auch Arbeitsmärkte, Qualifikationsprofile, Konsummuster und Zugangsbedingungen zu Produkten und Dienstleistungen. Während die EU soziale Fragen zumindest als Querschnittsperspektive in Förder- und Übergangsinstrumenten adressiert, bleibt die deutsche NKWS bei diesem Thema überwiegend abstrakt. Damit wird nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem sichtbar, sondern auch ein Umsetzungsrisiko: Transformationen sind politisch und gesellschaftlich nur stabil, wenn ihre Verteilungswirkungen ernst genommen werden und Akzeptanz gesichert ist. Wird Kreislaufwirtschaft primär technokratisch als Effizienz- und Innovationsagenda umgesetzt, können soziale Spannungen entstehen oder bestehende Ungleichheiten reproduziert werden. Die Synthese der Studie legt daher nahe, dass Deutschland soziale Zielsetzungen, Beteiligung und konkrete Programme stärker in die Umsetzung einbauen muss, um Kreislaufwirtschaft als gesellschaftlich tragfähigen Umbaupfad zu verankern.

Querschnittsthema Digitalisierung

Digitalisierung wird in den Kreislaufwirtschaftsstrategien der EU und Deutschlands als ein zentraler Wegbereiter verstanden, ohne den zirkuläre Systeme nicht in die Breite skaliert werden können. Beide Ebenen gehen davon aus, dass Kreislaufwirtschaft nicht allein durch Zielsetzungen, technische Innovationen oder einzelne Leuchtturmprojekte erreicht wird, sondern vor allem durch eine neue Form der Koordination entlang komplexer Wertschöpfungsketten. Diese Koordination setzt Transparenz voraus: Informationen über Materialzusammensetzung, Herkunft, Nutzungsdauer, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und zirkuläre Wiederverwendbarkeit müssen zwischen Herstellern, Zulieferern, Handel, Nutzerinnen und Nutzern, Reparaturbetrieben, Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft sowie Behörden verfügbar und interoperabel nutzbar sein. Genau an dieser Stelle wird Digitalisierung zum verbindenden Element, das die praktische Umsetzbarkeit der Kreislaufwirtschaft erst ermöglicht.

Im Zentrum steht dabei sowohl auf EU- als auch auf deutscher Ebene der digitale Produktpass. Er soll als standardisiertes Instrument die wesentlichen Informationen über ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg bündeln und damit die Voraussetzung schaffen, Kreislaufführung nicht nur theoretisch zu planen, sondern operativ umzusetzen. Der Produktpass ist dabei nicht als isoliertes IT-Werkzeug zu verstehen, sondern als Grundlage für neue Markt- und Steuerungslogiken. Erst durch verlässliche digitale Informationen können etwa zirkuläre Beschaffungskriterien überprüfbar, Recyclingquoten kontrollierbar und zirkuläre Geschäftsmodelle wie Wiederaufbereitung, Sharing oder Second-Life-Nutzung wirtschaftlich tragfähig werden. Zudem kann digitale Transparenz dazu beitragen, das Vertrauen in Sekundärrohstoffe zu erhöhen, weil Qualität, Herkunft und Verfügbarkeit nachvollziehbarer werden – ein wesentlicher Faktor, um die Nachfrage nach recycelten Materialien zu stabilisieren und damit Investitionen in Aufbereitungskapazitäten abzusichern.

Deutschland verbindet mit der Digitalisierung der Kreislaufwirtschaft zusätzlich einen industriepolitischen Anspruch. Die Studie betont, dass Deutschland aufgrund seiner Industrie-4.0-Erfahrung besonders gute Voraussetzungen habe, um eine führende Rolle bei der Verbindung von digitalem Produktpass und sogenannten Kreislaufwirtschafts-Data-Spaces einzunehmen. Hinter dieser Idee steht die Annahme, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur über Produktinformationen gesteuert werden kann, sondern über digitale Wissensspeicher, die Material- und Produktflüsse systematisch erfassen und Akteure in die Lage versetzen, zirkuläre Wertschöpfung besser zu planen, zu koordinieren und zu skalieren. Ein solcher Ansatz würde die Kreislaufwirtschaft von einer rein regulativen oder projektbasierten Umsetzung hin zu einem steuerbaren System weiterentwickeln. Gerade bei komplexen Produkten wie Batterien, Maschinen oder Elektronik, deren Komponenten aus vielen Quellen stammen und unterschiedliche Lebenszyklen durchlaufen, ist eine digitale Koordination eine Voraussetzung für funktionierende zirkuläre Systeme.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass mit dieser Digitalisierungsstrategie erhebliche Umsetzungsherausforderungen verbunden sind. Dazu gehört zunächst die Standardisierung von Datenmodellen, denn Kreislaufwirtschaft erfordert nicht nur „mehr Daten“, sondern vor allem kompatible und vergleichbare Datenformate, die zwischen Unternehmen, Branchen und Behörden ausgetauscht werden können. Ohne Interoperabilität droht der digitale Produktpass ein Flickenteppich aus Insellösungen zu werden, der zwar Dokumentation erzeugt, aber keine echte Steuerungswirkung entfaltet. Hinzu kommt, dass digitale Nachweise zunehmend auch in Verwaltungs- und Marktroutinen integriert werden müssen, etwa in Vergabeverfahren oder Förderprogramme. Wenn digitale Passinformationen nicht frühzeitig in diese Prozesse eingebettet werden, bleibt ihr Nutzen gering, weil sie zwar existieren, aber nicht konsequent zur Lenkung von Nachfrage, zur Marktüberwachung oder zur Compliance genutzt werden.

Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass Digitalisierung nicht automatisch Akzeptanz erzeugt. Gerade für Unternehmen, insbesondere KMU, können die Anforderungen an Datenbereitstellung, Dokumentation und Systemanpassung als Belastung wirken, wenn Nutzen und Unterstützung nicht klar erkennbar sind. Die Studie verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass viele Unternehmen nur begrenzt vorbereitet sind und dem digitalen Produktpass teilweise skeptisch gegenüberstehen. Digitalisierung kann daher nicht allein über Regulierung funktionieren, sondern erfordert begleitende Unterstützung, etwa durch Beratung, Standardisierungshilfen, Plattformangebote und Kompetenzaufbau. Erst wenn digitale Instrumente als wirtschaftlich sinnvolle In­frastruktur verstanden werden, kann Digitalisierung tatsächlich zur Beschleunigung statt zur Bremswirkung werden.

Michael Brunn

Michael Brunn

Chefredakteur

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