Die auch 2022 fortgesetzte Kostenexplosion von Kunststoffgranulaten, Energie und Logistikleistungen trieben den Umsatz der kunststoffverarbeitenden Industrie um 10,2 Prozent in die Höhe auf den Rekordwert von 77,4 Milliarden Euro. Ein Produktionswachstum fand jedoch nicht statt. Insgesamt ging der Verbrauch an Kunststoffgranulaten um 2,4 Prozent zurück, was in etwa dem Produktionsrückgang von 2,7 Prozent entspricht. So die jüngsten Zahlen für die Kunststoffverarbeiter, die vom Verband Technische Kunststoff-Produkte, wie schon in den vergangenen Jahren, auf Basis der Zahlen des Statistischen Bundesamtes für die Branche ermittelt wurden.
Die Hersteller im Bereich der technischen Teile konnten sich diesem Branchentrend entgegenstellen und ihre Produktion um 6,5 Prozent gegenüber dem schwachen Vorjahr erhöhen. Treiber waren primär die inländische Automobilproduktion, die um elf Prozent sowie die Hersteller in der Elektronikindustrie, die um zwei Prozent zugelegt haben. Mit einem Umsatzwachstum von 7,4 Prozent in diesem Segment konnten die massiven Kostensteigerungen jedoch nur in geringem Umfang an die Kundenindustrien weitergegeben werden. Dies führte bei einem Drittel der Unternehmen zu Gewinnrückgängen beziehungsweise Verlusten. Dennoch konnten sich die Hersteller der technischen Kunststoffteile behaupten und ihre Belegschaft um 1,1 Prozent auf 101.000 Beschäftigte in über 900 Unternehmen ausbauen. Damit bleibt das Segment der technischen Teile mit 31 Prozent der Beschäftigten der arbeitsmarktpolitisch größte Bereich der Kunststoffverarbeitung und rangiert damit knapp vor den Herstellern von Baubedarfsartikeln.
Wichtigste Exportregion bleibt mit Abstand die EU. Die Exporte machen 83,5 Prozent der Gesamtexporte aus. Gegenüber 2021 nahm der Anteil leicht ab. 4,1 Prozent des Materials geht in europäische Nicht-EU-Staaten. 12,4 Prozent gehen in andere Länder. Dieser Anteil ist gegenüber dem Vorjahr von 7,3 Prozent deutlich gestiegen.
Weniger Neuware, mehr Rezyklate
Der Einsatz von Neuware in Kunststoffprodukten ging auch 2022 um rund 4,5 Prozent zurück. Neben der Tatsache, dass immer mehr neue Produkte bereits mit höheren Rezyklatquoten zugelassen oder designt werden, haben auch der starke Preisanstieg und die anfangs mangelnde Verfügbarkeit der Neumaterialien den Trend zu Rezyklaten gefördert. Damit stieg der Rezyklatanteil bezogen auf die Gesamtmenge um 19 Prozent auf 2,6 Millionen Tonnen.
Die Rezyklatquoten in den langlebigen Produkten, wie der Fahrzeugindustrie, stiegen auf 7 Prozent und die der Elektroindustrie, wo der Einsatz von Rezyklaten traditionell etwas schwieriger ist, auf 5 Prozent. Für die weitere Erhöhung der Rezyklatanteile in Kunststoffprodukten äußert Rainer Zies, Inhaber und Geschäftsführer der MKV GmbH Kunststoffgranulate und Mitglied des Vorstands, die klare Forderung, „dass der Maßstab für die eingesetzten Materialien sein muss, dass die CO₂-Aquivalente der Rezyklate immer besser sein müssen als die der Neuware; nur so kann gewährleistet werden, dass das Kunststoffrecycling auch ein Beitrag für die CO₂-Reduzierung und den Klimaschutz ist.“
Extremer Fachkräftemangel
Nach wie vor leidet die Branche unter einem extremen Fachkräftemangel. So melden 87 Prozent der Unternehmen einen Fachkräftemangel. Allen voran fehlt das technische Personal, Kunststofftechniker*innen und Verfahrensmechaniker*innen, technische Auszubildende und Ingenieur*innen. Aline Henke, Inhaberin und Geschäftsführerin der Hankensbütteler Kunststoffverarbeitung und Initiatorin der Ausbildungsinitiative „Hallo Zukunft“, regt an, dass „gerade die junge Generation, die sich so deutlich zur Ressourcenschonung positioniert, in der kunststoffverarbeitenden Industrie die Möglichkeit hatte, wesentlichen Einfluss auf den Klimawandel zu nehmen, und zwar mit der CO₂-armen Herstellung von Kunststoffprodukten, die in ihrem Produktleben CO₂ einsparen und am Lebensende in Deutschland zu über 99 Prozent verwertet werden können. Es betrübt und überrascht mich zugleich, dass in der Arbeit mit dem Werkstoff Kunststoff dieser offenbar nicht als Teil der Lösung unserer Herausforderungen gesehen wird. Die Chancen sind da, da rund drei von vier kunststoffverarbeitenden Unternehmen ausbilden. Mit mehr Nachwuchs könnten wir einen echten Benefit für die gemeinsamen Klimaziele erreichen!“
Insgesamt 29 Prozent der befragten Unternehmen haben 2022 ihren Personalbestand erweitert. Im Vorjahr waren es noch 31 Prozent. Personal abgebaut haben 15 Prozent der Unternehmen, 2021 waren es noch 24 Prozent. Für 2023 planen 24 Prozent der Unternehmen einen Ausbau des Personalbestands. 18 Prozent beabsichtigen, Personal abzubauen.
Die Coronapandemie legte zudem die Schwachstellen der digitalen Infrastruktur offen, und deren Behebung erscheint nicht entschlossen genug. „Hier muss deutlich mehr passieren“, fordert Felix Loose, TecPart-Vorsitzender sowie Geschäftsführer der Agor GmbH, und ergänzt: „Es muss wieder eine strategische Weitsicht ins Wirtschaftsministerium einziehen, die das Wünschenswerte mit dem Machbaren in Einklang bringt. Sonst steht zu befürchten, dass wir am Ende des Tages die Klimaziele erreichen, weil wir Deutschland deindustrialisiert haben!“
Materialkosten und Logistik
Als Zusatzfrage wurde danach gefragt, welche Herausforderungen die Unternehmen besonders belasten. Die größten Belastungen stellen demnach Materialkosten, Fachkräftemangel, Auftragsmangel, Logistik und Schwierigkeiten in der Lieferkette dar. Die Verfügbarkeit von Rezyklatmengen und -qualitäten wurde noch von wenigen Unternehmen als große Belastung gesehen.
Ausblick für die Branche
Es bleibt weiterhin fragil. Es mehren sich aber die Zeichen, dass die Rezession abgewendet werden kann und auch die Hersteller von technischen Kunststoffteilen 2023 mit einem kleinen Wachstum rechnen können. Im Zuge der Nachhaltigkeitsdiskussion wird der Kunststoff in zweifacher Hinsicht positiv auffällig. Zum einen können die leichten, langlebigen Kunststoffprodukte bereits heute bei der Herstellung und Nutzung gegenüber anderen Materialien CO₂ einsparen, zum anderen fuhren veränderte Konstruktionsprinzipien zu höheren Rezyklatquoten.
„Beide Aspekte starken die Zukunftsperspektiven der Branche, auch wenn materialbedingt bei den Rezyklatquoten noch Grenzen akzeptiert werden müssen, nicht zuletzt, weil die Verfügbarkeit von passenden Kunststoffabfallen derzeit nicht in ausreichenden Mengen und Qualitäten vorhanden sind. In einigen nationalen und europäischen Normungsgremien setzt sich TecPart dafür ein, dass hier realistische Vorgaben entwickelt werden und der EU-Normungsauftrag, soweit es die Kapazitäten erlauben, bearbeitet werden kann. Dies bedeutet, dass sich die durch TecPart ebenfalls vertretenen Compoundier und Recycler auf eine beständige Nachfrage in 2023 einstellen können“, prognostiziert Michael Weigelt, Geschäftsführer des Verbands Technische Kunststoff- Produkte in seinem abschließenden Fazit.








